"Eine böse Tat, aber noch kein böser Mensch."
      Dr. Michael Stone
      Professor der Psychiatrie, Columbia Universität


      "In jedem von uns steckt ein Teufel."
      Philip G. Zimbardo
      emer. Professor der Psychologie, Stanford Universität


Mittwoch, 8. Juli 2009

Rezension: Claudia Mummert -„Der Blutfänger“

ISBN: 9783765085185
Braun G. Buchverlag
März 2009 - 287 Seiten

Was soll man als Krimileser von diesem Vampirschocker halten?
Ich wäre wohl besser beraten gewesen, das Buch gleich in Richtung Phantastikliteratur abzuschieben, dann hätte ich mir und der Autorin diese Zeilen ersparen können.
Sei’s drum. Ich habe versucht, damit zurechtzukommen, und es fiel mir schwer. Sehr schwer.
In Karlsruhe treibt ein Serienmörder sein Unwesen. Er betäubt Frauen, um ihnen hernach das Blut abzuzapfen. Der Mann fühlt sich den Vampiren ähnlich, seit er in Kindertagen seinen Arm in ein Loch in den Boden des Karlsruher Mausoleums steckte und ihn mit einer Bisswunde wieder herauszog. Vampire sind Geschöpfe, die den Drang haben, Menschenblut zu trinken. Haben sie es nicht vorrätig, müssen sie es mit roher Schweineleber versuchen. Unser Vampirmensch hat damit ein Problem, er bekommt diese Innerei nicht hinunter, würgt und zweifelt an seiner Bestimmung. Oder muss „logischerweise“ den nächsten Bluttopf füllen.
Warum ein Mensch ein Vampir sein will, ist mir unerklärlich geblieben. Einige Zeit habe ich ernsthaft überlegt, ob es möglich ist, eine Einbildung zu haben und daraus ein physisches Verlangen zu entwickeln, das für einen normalen Menschen eine ekelerregende Aktion darstellt. Ich denke, ich kann fliegen und ich fliege. Ich denke, ich bin lesbisch und ich bin es. Dann habe ich mir gesagt, das liegt im Bereich der Fiktion, da muss man nicht darüber nachdenken und dann habe ich es sein gelassen.
Nun, unser Mann hat auch einen Namen, Heck, schöner Name, Vater und Mutter hat er auch, das heißt, hatte er, denn er hat sie um die Ecke gebracht.
Beim gewalttätigen Vater, der die Treppe hinunter fiel, half er als zehnjähriges Kind nach, und die Mutter knüpfte er eigenhändig auf. Die böse Frau hatte in einfach nach dem Tod des Vaters zu sehr gegängelt. Als dann im vorangeschrittenen Alter seine Liebe von einem jungen Mädchen nicht erwidert wurde, fiel ihm nichts Besseres ein, als sie mit dem Tode zu bestrafen. Nein, verhaltensauffällig ist unser Mann nicht gewesen, er lebt und arbeitet als ganz normaler Bürger von nebenan in einem Beruf, von dem manche normal Sterbliche nur träumen. Ein farbloser Mitarbeiter, angestellt in einem Steuerbüro, unauffällig, nur wenn sie in seine stechenden blauen Augen blickten, fühlten sich manche in seinem Umfeld irritiert.
Ein alleinlebender und beziehungsloser Serienmörder, der Frauen, warum Frauen?, wahllos auswählt, um sie zu töten, ist für die Karlsruher Sonderkommission mit Charlotte Krüger und Tom Berger an der Spitze, keine leichte Nuss. Und wie soll es anders sein, -Spannungsaufbau durch Tempo-, es sitzt ihnen die Staatsanwältin im Nacken, die einen Erfolg für ihre Beförderung braucht.
Trotzdem wird nichts unversucht gelassen, das Leben der Ermittler auch von seiner beschaulichen Seite zu schildern, schließlich muss dem ganzen Schauder auch was Schönes entgegengesetzt werden. Ich kann mir nicht helfen, das erinnerte mich sehr an diese Heftchenromane, in denen sich Adlige, Ärzte und andere Leute von Stand nach Liebe verzehren und die Angebetete ewig mit sich ringt, ob sie dem Drängen nachgeben soll. Ausführlich kann sich hier der Leser dem Liebesleben der Kommissarin hingeben. Praktischerweise handelt es sich bei dem Angebeteten um einen Pathologen aus der Rechtsmedizin, so oft sich beide bei der Arbeit über den Weg laufen, so oft können wir an ihrer jeweiligen Gemütsverfassung teilhaben. Und die wechselt oft, einmal gibt sich Charlotte zu verschämt, dann wieder zu burschikos, das Missverstehen gehört zur Tagesordnung und alles spielt sich wie in den romantischen Tagträumen bei Jungmädchen ab.
Krimis sind keine Kitschpostille!
Aber nähern wir uns den Aufgaben, zu denen Kommissare in Kriminalromanen nun mal geschaffen wurden, den Täter zu finden, damit wir von dem unheimlichen Grauen erlöst werden und die heile Welt wiederhergestellt ist. Wir wissen ja schon, dass unser Vampir ein Mensch ist, der schon immer, man denke an die Eltern, leicht erregbar ist und sich leicht reizen lässt. Zusammen mit seinen Allmachtsphantasien, die ihn veranlassen seine Taten hinauszuposaunen, werden ihn diese menschlichen Unzulänglichkeiten den Kopf kosten, und wir sind glücklich, wenn wir von dem Spuk erlöst sind.
Ja, die menschlichen Schwächen machen auch vor Vampiren nicht halt.
Ich könnte jetzt noch einige Tiraden ablassen, lamentieren, höhnen oder bekümmert stammeln, ich lasse es dabei, und entziehe mich allem, indem ich behaupte, nicht zur Zielgruppe zu gehören. Dass diese immer größer wird, habe ich gerade mit Erstaunen in der Federwelt (Martina Campbell vom Sieben Verlag) gelesen, und so glaube ich, dass die Autorin ihre Leser finden wird.
Und auf mich warten bald die nächsten Blutsauger, in Fred Vargas Krimi „Der verbotene Ort“. Schon mal das Kreuz bereithalten.

Henny Hidden

Dienstag, 30. Juni 2009

Rezension: Monika Geier- „Die Herzen aller Mädchen“

ISBN: 9783867541848
'Ariadne' Argument- Verlag GmbH
März 2009- 347 Seiten

Wie sollen wir es lesen?
Die Herzen aller Mädchen schlagen höher, wenn ihnen ein attraktiver Mann gegenübersteht.
Oder, hüten wir die Herzen aller Mädchen, denn sie sind es, die am gefährdeten sind.
Und die Betrauernswertesten. Nicht die Tadzios sondern die Angelinas, die engelsgleichen Schönen, sind es, die unsere Tränen zerfließen lassen, wenn wir versuchen, unter den bläulichlividen Leichenflecken den unschuldigen, unbefleckten Mädchenkörper, das Inbild alles Reinen, zu entdecken.
Und wie viele Fingerzeige uns Monika Geier in ihrem Krimi „Die Herzen aller Mädchen“ auch geben mag, leicht ist es nicht, eine Antwort zu finden.
Die Liebe ist eine Himmelsmacht, wohl dem, der sich auf ihre Kunst versteht. Wozu haben die Menschen ihre Schriftsteller, die ihnen die jahrtausendealte Erfahrungen aufbewahren. Ovids Liebeskunst zählen wir dazu und in Monika Geiers Roman wird sein Werk der Dreh- und Angelpunkt sein, in fassbarer Form voran.
Es sollte einige Zeit dauern, bis ich als Leser die Bedeutung des Originalmanuskriptes „ars amatoria“, welches von einem unbekannten Spender einem Kunstsammler zugespielt wurde, für den Kunstbetrieb zu würdigen wusste. Dabei fährt die Autorin alles auf, was dem Szeneunkundigen die Einschätzung erleichtert. Hinter hohen Klostermauern liegt das Werk in einem Tresor verwahrt. Eine Frau von der Versicherung ortet die Lage, indem sie fast täglich um die Kunstverwalter, seien es Mäzen oder Kurator, scharwenzelt. Und die Polizei wird auch an diesen Ort beordert. Nein, nicht gewöhnliche Streifenpolizisten, sondern das BKA höchstpersönlich.
Warum dieser Aufwand? Diese Frage stellt sich auch Bettina Boll, Halbtagskraft bei der Polizei, nachdem sie den Auftrag erhielt, das BKA bei der Sicherung des Ovid-Buches zu unterstützen. Von viel Geld ist die Rede, bei dreizehneinhalb Millionen liegt der Schätzpreis des Buches, Schwarzmarktpreis zwei Millionen.
Aber das BKA? Sichert es schon die Werte der Reichen? Natürlich liegt der Fall tiefer. Er reicht bis in die sechziger Jahre zurück, als des Kurators Vater, Georg Krampe, ein Spiegelkorrespondent, sich auf Hochzeitsreise in Rom befindet und statt von seiner Kontaktperson Informationen abzuziehen, eine neue Liebe findet und sie mit seinen Liebesschwüren überschüttet. Ausgerechnet in das Ovid-Manuskript, das er gerade in einer Bibliothek liest, kritzelt er sie. Wo Glück und Unglück, für wen auch immer, so nahe nebeneinander liegen, wo ein Liebestrunkener die ihm frischangetraute Ehefrau verschmäht, da kann man auf die Katastrophe warten. Und ein Mann sollte wachsam auf die Herzen aller ihn umgebenden Mädchen Acht geben.
Bettina Boll weiß von dieser alten Geschichte nichts, als sie sich im Kloster einen Überblick über ihren Arbeitsort verschafft. Interessiert lauscht sie den Erzählungen der Anwesenden, die sich in unterschiedlichen Mutmaßungen über den Wert des Manuskripts ergehen.
Natürlich lernt sie den bekannten und eloquenten Kurator Gregor Krampe kennen, der ihr augenblicklich alles erzählen kann, sie wird es nicht hören, wenn sie in seine Augen schaut, denn bei Gregor Krampes Erscheinen schlagen alle Mädchenherzen höher. Sie verliebt sich in ihn und o Wunder, gesteht es sich auch noch ein.
Mit Bettina Boll hat Monika Geier eine sehr weibliche, durchaus sympathische Figur geschaffen, in der sich die meisten Frauen wiederfinden können. Die Boll wird noch rot bei ihren Befragungen, handelt immer ein bisschen unüberlegt und redet zuviel an falscher Stelle. Selbstzweifel beschleichen sie, nicht schön, nicht klug, nicht erfahren zu sein, zu intuitiv und zu impulsiv zu handeln. So herrlich chaotisch rüberzukommen; Frauen, so lieben wir uns und so hassen wir uns.
Zuweilen treibt sie ihren kriminalistischen Eifer auf die Spitze. Ich habe noch nie über eine Polizistin gelesen, die soviel über Handy recherchiert wie diese. Es gab noch Zeiten, da trieb man sein Gegenüber in die Ecke, kreiste ihn ein, schätzte genau ab, wann der Zeitpunkt gekommen ist, um ein Geständnis herauszupressen. Bettina Boll erfährt das mit dem Telefon am Ohr, nach einer Atempause. Die weibliche Methode, einen Gesprächspartner mit ständigem Insistieren zu überrumpeln, die auch manchmal zu übertoll gerät.
Das Ovid-Manuskript wird natürlich geklaut, just zu dem Zeitpunkt, als unsere Protagonistin mit dem Hauptverdächtigen im Bett liegt. Wenn man bei der Liebe zugange ist, ruft die Pflicht noch lange nicht. Und zum verdächtigen Bettpartner sind natürlich „...die Allianzen offen“.
Wie im richtigen Leben.
Inzwischen bewegt sich die Welt weiter. In seiner verhängnisvollen Art, denn das BKA wird außer Gefecht gesetzt, als ein Mord passiert. Jetzt wird nach zwei Seiten gefahndet, dem Mörder und dem Buch. Und Bettina kann sich wieder als Ermittlerin beweisen, haarscharf kombinieren, wie es nur Frauen tun können, die durch ihre hausfraulichen Pflichten einen anderen Blick auf das Leben haben als die Männer. Es folgt eine Geiselnahme, die ich, und das will ich auch mal hervorheben, sehr spannend fand, in einem durchaus unprätentiösen Stil, dass man zuweilen auch schlucken muss, so lapidar geht das vonstatten, mit sicherem Gespür für menschliche Verhaltensweisen.
Bettina Boll kriegt sich dann auch wieder ein, ihr Polizistenherz kann eben von einem schönen Mann nicht nur mit schönen Worten erobert werden.
Mein Herz hat Monika Geier gegen Ende des Buches in Aufruhr versetzt.
Geradezu elektrisiert war ich, als in einem Gespräch über Ovids Leben die Sprache auf sein verschollenes Werk „Medea“ kam. Nicht das verlorengeglaubte zweite Buch der Poetik des Aristoteles soll es sein, das die Sprenggewalt in sich birgt, sondern die Medeagestalt des Ovid. Die betrogene Ehefrau, für die sich niemand mehr zu interessieren scheint, als die andere auftaucht, die sich auf dem Abfallhaufen der Geschichte wähnt, wird noch einmal auftrumpfen, mit dem größten Gut, das sie besitzt, ihren Kindern. Sie wird sie töten, um damit die stärkste Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, die ihr als Mutter und Ehefrau gegeben ist. Die Nachkommen des untreuen Mannes umzubringen, die feministische Radikalvariante der verzweifelten Frau.
Leider nur ein Aperçu. Aber wenn man wollte, könnte man den Bogen zu Georg Krampes Ehefrau Elisabeth spannen und ihre ungeheuerliche Tat als einen ebensolchen Aufschrei interpretieren.
Gleichwohl: Hüten wir die Herzen aller Mädchen!

Henny Hidden

Mittwoch, 10. Juni 2009

Rezension: Paule Constant- „Das Brautkleid“

ISBN: 9783421043689
Übersetzt von Michael Kleeberg
Deutsche Verlags-Anstalt
März 2009 - 271 Seiten

Von Anfang an wissen wir Bescheid. Oder doch nicht?
Eine Frau ist angeklagt und steht vor ihrer Richterin und da sind wir schon am Ausgang der Geschichte. Oder am Beginn.
Eine Geschichte jedenfalls, die täglich tausendmal auf dieser Welt passiert. Ein Mann verlässt seine Ehefrau, um mit einer anderen zu leben. Welche Möglichkeiten hat eine Frau, damit fertig zu werden?
Je nachdem werden wir seufzend antworten und wissen schon, dass für diese Frau der schlimmste aller möglichen Fälle eingetreten ist.
Wundern tun wir uns nicht darüber.
Wie würden sie über eine Frau denken, die in ihrer achtzehjährigen Ehe zum gemeinsamen Zimmer die Wäschekammer erkoren hat, weil das ganze ererbte Interieur ihrer Großeltern nicht verstellt, benutzt, ja gar nicht angerührt werden darf? Diese Frau namens Catherine kommt uns schon sehr merkwürdig vor. Und auch wenn bei ihr äußerlich immer alles in Ordnung scheint, als wir in die Geschichte eintauchen, werden diese Zeiten längst vergangene sein.
Sie, die als Verwaltungsbeamtin in der Rechtsabteilung der Wasserwerke arbeitet, sie, die Tochter aus gutem Hause, der eine glückliche Kindheit bescheinigt wird, sie, die schon früh ein Pflichtbewusstsein entwickelt, das bis zur Selbstaufgabe reicht, sie, die sich gegen jedes Unglück versichern wollte, sie ist angeklagt der Anstiftung des Mordes an ihrem Ehemann.
Sie, die keine Bücher liest und keine Musik hört, um sich nirgendwo reinsteigern zu müssen, sie, die immer in Angst vor ihrer eigenen Angst lebt, sie, die ihre größte Befriedigung empfindet, wenn sie für ihre Arbeiten gelobt wird, sie ist angeklagt der Tötung des eigenen Kindes.
Kein Wunder beteuern wir uns, bei dieser extremen Ausbildung einer Persönlichkeit, die Konflikte scheut und Seelenverschiebungen nicht aushalten kann. In ihr erkennen wir sie, die Rückversicherer, Rationalisten, Perfektionisten, die bei der kleinsten Unordnung aus der Fassung geraten und bei der vermeintlich größten nur noch mit dem Leben abschließen können.
Als dann nach dem furchtbaren Geschehen die Leidenschaften hervorbrechen, die vordem wie von einem um Cathys Leib gelegten Panzer eingeschlossen waren, „...verstand sie es, mit Worten zu morden“, und es beginnt die unheimliche Geschichte.
Noch beklemmender, als sie ihre Helfer findet. Cathys frühere Schulfreundin Lilli und deren Freund Jeff befeuern sie in ihren Gelüsten nach Rache. Diese beiden von der Welt Ausgestoßenen, die in einem Wohnwagen auf einem Autofriedhof campieren, „...gingen mit dem Flammenwerfer über alles“. Besonders der unberechenbare und körperlich ekelerregende Jeff, der als Kind mehr Tage in einer Hundehütte schlief als bei seiner vierzehnköpfigen Familie im Haus, der seine eigenen Kinder so quälte, dass er dafür in den Knast wanderte, findet zu Cathy einen gemeinsamen Draht. So dilettantisch er die Elektroanlage in ihrem Haus repariert, so rabiat verflicht er die losen Enden ihrer Gemütsverfassung zu einer Kugel, deren Ziel vorbestimmt ist. Das „Werkzeug“ ihrer Rache erschießt ihren Mann Tony. Und als dieser danach seinen Lohn einfordert, kehrt sie, die die ganze Zeit außer sich außerhalb der Norm stand, in die Niederungen des Lebens zurück.
Und dann stehen beide vor Gericht.
Warum wählte Paule Constant das Gericht als klammerndes Element für ihre Handlung, das habe ich mich wiederholt gefragt. Sie hätte sie in einem Zugabteil oder an einem regenverschmierten Fenster in einem Hospital über ihre Taten nachdenken lassen können oder sie mit einer neuen Identität ausgestattet mit einem Mann über alle Berge verschwinden lassen.
Warum ein Gericht? Sooft ich mir diese Frage stellte, sooft habe ich andere Antworten gefunden.
Zuallererst drängte sich mir der Bezug zum Jüngsten Gerichts auf, da, wo gewöhnlich abgerechnet wird mit den fehlgeleiteten Kreaturen, wo auf Kindsmord und Anstiftung zum Gattenmord nur die Strafe der Verdammnis folgen kann.
Dann wollte ich bei der Wahl eines weiblichen Richters eine Bezugnahme zum inneren Selbstgericht erkennen. Die äußerliche Verhandlung als innere Abrechnung.
Immer mehr faszinierte mich die Schreibweise der Autorin. Und ich dachte, dass ein Gericht schon ein geeigneter Ort sei, um psychische Prozesse in einem hohen Grad zu beschreiben. Geht es doch um nichts mehr als um die Beweggründe einer Tat aufzudecken, und mit dem Auf- und Abwägen, dem Einkreisen, dem auf die Spitze treiben besitzt die Autorin ein besonderes Stilmittel, um die Intensität zu erreichen, mit der sie eine große Wirkung auf den Leser erzielen kann.
Ja, so gegen Ende des Buches begann ich zu ahnen, worauf die Autorin hinauswollte.
Sie strebte nichts anderes an, als uns den festen Boden unter den Füßen nehmen. Aus dem Spiel von Möglichkeiten, Zufälligkeiten und Gewissheiten, das sie uns anbot, war es an uns, dem Leser, die Konstante finden. Aus dem Dschungel der Eindrücke sollten wir uns einen Pfad schlagen, indem wir unsere eigene Ordnung dazugeben. Diese Ordnung, die auch immer nur eine gegenwärtige sein kann, sowie die Wahrheit nicht absolut sein wird.
So dient uns das Buch als eine Vorlage, um uns zu erkennen und uns selbst zu finden.
Und man könnte es noch auf eine andere Ebene heben.
Indem wir über die Unzulänglichkeit des Urteilens nachdenken. Wenn wir urteilen, abstrahieren wir, nehmen wir etwas aus der schmutzigen Realität, befreien es von seinen Anhaftungen, um reiner vergleichen zu können. In einer Abstraktion finden wir die Sicherheit, um zu verstehen, gleichzeitig aber auch die Unruhe, die uns fragen lässt, ob wir zu dem großen Kreis des Greifbaren den richtigen Bezug gefunden haben. Immer argwöhnen wir über die Relationen oder Perspektiven, sei es bei moralischen Prinzipien oder wissenschaftlichen Gesetzen, von Menschen einmal festgelegt, erleben wir, dass sie im Laufe der Menschheitsgeschichte beibehalten, modifiziert oder verworfen werden.
So ist an deren Richtigkeit zu zweifeln.
Es ist das Prinzip des Subjektiven, dem wir hier huldigen, auf einer Schuldlinie, an deren einem Ende sich Schuld aufhebt, weil wir alles einordnend rechtfertigen können und an deren anderem Ende eine Übereinkunft von Menschen fußt, diejenigen zu verurteilen, die den Erhalt der Gemeinschaft gefährden. An welchem Punkt der Richterspruch landet, ist weniger ein Produkt objektiver Maßstäbe, sondern entwickelt sich im Zusammenspiel aller am Prozess beteiligten Subjekte. Ausgezeichnet versteht es die Autorin, dass Latente zwischen Richterin, Verteidigern und Geschworenen sichtbar zu machen. Mit aller Kraft versuchen die beiden männlichen Verteidiger, die Geschworenen, die sie wie Talkshowgäste abklassifizieren, durch den Aufbau von Gefühlsregungen zu manipulieren, denn sie wissen, dass sie die Angeklagte mit dem „Gewicht ihrer Tugend“ belasten werden.
Und überhaupt richtet hier eine Frau über eine Frau.
Da entwickeln sich doch ganz andere sensuale Schwingungen, als wenn ein Richter auf eine Delinquentin schaut. Sowie auch zwischen Richterin und Verteidiger einige Aufladungen entstehen. „Nein“, sagte die Richterin(am Ende der Verhandlung zu einem der Verteidiger), „und Kinder habe ich auch keine.“
Bis in den letzten Satz durchdacht. So muss man erstmal schreiben können!

(Nebenbei: Ich finde es unverschämt vom Verlag, im Klappentext des Buches die Taten zu verraten.)

Henny Hidden

Montag, 18. Mai 2009

Rezension: Kathryn Miller Haines- „Miss Winters Hang zum Risiko“

ISBN: 9783518460900
Übersetzt von Kirsten Riesselmann
Suhrkamp Verlag
Mai 2009 -488 Seiten
Rosie Winters erster Fall.
Originaltitel: The war against Miss Winter
'suhrkamp taschenbücher Allgemeine Reihe'

Ich habe nicht den blassesten Schimmer, warum die Suhrkampmitarbeiter ausgerechnet diesen Erstlingsroman einer amerikanischen Autorin für ihren Einstieg in die Krimiwelt auswählten. War es der gelegentlich durchleuchtende sozialkritische Impetus, der ihr Herz erwärmte, war es die nostalgische Verklärung, die sich in ihren Augen färbte, eines war es wohl nicht, das Herausfischen einer Perle aus dem internationalen Krimigeschehen und eines wird es wohl nicht werden, eine große Bereicherung des deutschen Krimimarktes.
Kann sein, dass ich mir anmaße, wie eine Blinde von der Farbe zu urteilen, aber auch eine Nichtsehende verfügt über einen eigenen Erfahrungsraum, und die innere Erleuchtung ließ auf sich warten.
Ein drittklassiger Hollywoodfilm! Ein leichenverhangenes Boulevardstück!
Rosie Winter, eine zweiundzwanzigjährige Schauspielerin, sitzt im Kriegswinter 1942 in New York mal wieder ohne festes Engagement da und muss sich bei dem Detektiv Jim McCain etwas dazuverdienen. Lange währt dieser Job nicht, denn ihr Auftraggeber wird erschossen und natürlich weiß niemand, von wem und wieso. Als sie mit dem nachfolgenden Ausräumen des Büros beschäftigt ist, erhält sie Besuch von einem früheren Kunden, der sie ermuntert, den einmal an das Detektivbüro erteilten Auftrag zu Ende zu führen. Noch ehe sie darüber ernsthaft nachdenken kann, ist auch dieser Mann tot. Und wie sich herausstellt, handelt es sich um einen ziemlich bekannten Dramatiker und das, was die Morde auslöste, ist wohl auf ein Theaterstück zurückzuführen, welches als verschollen gilt und im weiteren Verlauf für einen ziemlichen Wirbel sorgt. Das ist schon mal eine hübsche Idee, in einem Geisteswerk die Beweggründe für zwei Morde zu suchen, auch wenn wir uns als Leser natürlich denken können, dass dahinter Motive stehen, die von den allseits bekannten menschlichen Schwächen geleitet werden.
Nein, einer coolen Protagonistin begegnen wir im weiteren Verlauf nicht, der beschworene Hang Miss Winters zum Risiko gleicht dem Stolpern einer Unbewanderten, der man bewusst die Wegekarte aus der Hand geschlagen hat. Auf die sie samt ihren Schauspielerfreundinnen ohnehin nicht angewiesen ist. Denn die ewig plappernden Frauen mit den gurrend hohen Stimmen, zu denen die gerüschten Taftkleider besser passen als die strengen, schulterbetonten Kostüme, agieren in einer Staffage, in der sich die Figuren schablonenhaft aneinanderreihen. Wir können miterleben, wie sie sich den Dramatikern und Regisseuren an den Hals werfen, um damit ihre Besetzung im nächsten Theaterstück zu sichern und wie sie sich in den Armen stadtbekannter Mafiosos und Gangsterbosse rekeln, um von ihnen protegiert, beschützt und in schicke Restaurants ausgeführt zu werden, da. Wo der Champagner in Strömen fließt, versteht sich.
Andererseits lernen wir die vorgeblich schüchternen Regietalente kennen, die so besessen vom Ruhm sind, dass sie für ihn notfalls über Leichen gehen und die ganz Bösen, die als gierige Erbschaftsschleicher im Hintergrund die Strippen ziehen.
Als humorig könnte man diese Szenerie schon beschreiben. Und damit sie nicht ganz ins Lächerliche kippt, kommen unsere Aktricen nicht ohne Blessuren davon, und auch wegen der sozialen Komponente, die so ein freies Schauspielerdasein mit sich bringt, wurde auf die tragischen Momente nicht verzichtet. Und natürlich befinden wir uns im Kriegsjahr,und ich bekenne, aus Kenntnismangel fand ich die Schilderung des eingeschränkten Lebens nicht uninteressant.
So gar nichts Komisches konnte ich in der Schreibweise der Autorin entdecken. „Sie war so willkommen wie Rasiercreme-Reklame im Grand Canyon.“
Für die Empfänglichkeit eines solchen Witzes muss man wohl in einem anderen Land geboren sein. Immerhin kann man der Autorin bescheinigen, dass sie diese Art des Schreibens bis zum Ende durchhält. Was ja mitunter einem Roman erst die Würze geben soll und für einige den größeren Reiz des Lesens fernab inhaltlicher Qualitäten darstellt.
Manchmal schwankte ich. Welch intelligenter Überflug, welch intellektueller Überschlag dachte ich, als sich die Jagd nach dem geheimnisvollen Stück als eine Finte des Autors zu entpuppen begann. Es existiert gar kein Stück, Gegenteiliges wurde vom Autor lanciert, um seine Ideen über die Rolle der Kunst zu verwirklichen. So vertrat dieser die Auffassung, ein Drama brauche weder Schauspieler noch Regisseure, sondern nur einen zentralen Konflikt, und einmal angestoßen spielen wir alle mit auf der Bühne des Lebens. Großartig diese Hinwendung ins „Existentielle“, möchte man meinen.
Nichts da! Nur eine andere Variante in dem Bäumchen- wechsle- dich- Spiel. Mehr und mehr kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass jede inhaltliche Zufügung nur einer neuerlichen Drehung des Stückes dienen soll. Und als Höhepunkt des Theaters dürfen wir das zur Strecke bringen des Täters in einer bühnenreifen Leistung erwarten.
Wirklich verblüfft haben mich die Aufrufe, die die amerikanische Regierung an die Bevölkerung richtete, um die negativen Kriegsfolgen abzumindern. Da wurden den zurückgebliebenen Frauen ein schlechtes Gewissen eingeredet, wenn sie keine Briefe an ihre kämpfenden Männer schickten: „Können sie reinen Gewissens an einem Briefkasten vorbeigehen?“, auf der Straße wurden sie von Notdiensthelferinnen bedrängt, ausschließlich GIs zu ehelichen, überall wurden sie aufgerufen Geld, Blut und Kleider zu spenden. Am besten gefiel mir die Warnung, die auf einem Heimatschutzplakat stand: „Es ist gefährlich, wenn Menschen zu schnell ermüden, wenn Köpfe zu langsam denken, wenn Körper nicht genügend Abwehrkräfte haben.“
Ob das wohl auch ein Witz ist?

Henny Hidden

Donnerstag, 7. Mai 2009

Rezension: Mirjam Kristensen - „Ein Nachmittag im Herbst“

ISBN: 9783908777489
Übersetzt von Ina Kronenberger
Doerlemann Verlag
Februar 2009 - 224 Seiten

Alles klein: eine kleine Schrift für meine leseunfreundlichen Augen, eine kleines Format für die Handtasche, eine kleine Studie über die Menschen und - ein Kleinod.
Als Erstes gefällt die einfache, schnörkellose Sprache, mit der es uns gelingt, so wunderbar in die Atmosphäre einzutauchen: allein, bindungslos in einer lauten, schrillen Stadt. Und sicher kann man darin auch ein Verdienst der Übersetzerin Ina Kronenberger sehen.
Ein Urlaub. Rakel und Hans Olav reisen nach New York. Ein junges Pärchen, sieben Jahre zusammen, fünf Jahre verheiratet. Wer die ersten sieben Jahre übersteht, dessen Verbindung ist stabil, sagt man.
Sie lieben sich, sagt die Icherzählerin, nachdem ihr Mann verschwunden ist. Ein kurzer Gang auf die Toilette im Metropolitan Museum of Art, und nach der Rückkehr in den Georges La Tour Saal ist Hans Olav nicht mehr da. Er sei mit einer Frau weggegangen, meint die Saalaufsicht.
Ein Albtraum. Sie verlieren einen geliebten Menschen und können sich sein Verbleib nicht erklären. Was tun? Wir erleben Rakels lange, quälende Momente des Wartens, - Minuten, Stunden, Tage. Es passiert nichts. Fast nichts. Und so entfaltet sich vor unseren Augen ein von Verlustangst geprägtes Psychogramm. Bis zum Schluss wird die Spannung anhalten, die den inneren Weg der Protagonistin mit ihren äußeren Anstrengungen verbindet. Es ist eine lange Reise von der Erstarrung über das Ablösen bis zur Hinwendung auf das Neue.
Wer schon einmal einen Menschen verloren hat, wird wissen, dass ein Trauerprozess über verschiedene Stufen abläuft und mit einem Aufgehobensein des Geschehenen endet. Anfangs ist der Schmerz so überwältigend, dass man glaubt, es könne kein Leben mehr danach geben. Als ob alles angehalten wird.
Dabei gibt es noch mehr als ein Danach. In jedem schmerzlichen Augenblick verläuft das Leben der anderen Menschen drum herum in den gewohnten Bahnen. Und die berührungslosen Alltäglichkeiten, mit denen die New Yorker ihr Leben verrichten, treffen wie ein Brennglas auf die entzündete Seele der Protagonistin. Ein Aufeinanderstoßen der Welten wird für die Beteiligten nicht folgenlos bleiben. Die emotionale Intensität mit der Rakel auf der Suche nach ihrem vermissten Mann die Menschen bedrängt, zwingt diese, sich in einer Weise zu verhalten, die sich nicht in höflichen Bekundungen erschöpfen kann. Anfangs abweisend, das Unglück der Fremden wie ein Pesttuch fernhalten wollend, öffnen sie sich mehr und mehr, versuchen mit Berichten über Rückschläge ihres Lebens zu trösten und offenbaren dadurch die Dinge, die sie in ihrem Leben bewegen.
Da erleben wir Nicole, die Museumsaufseherin, deren Freund sie verlassen hat und die so wunderbar zu helfen versteht, den alten Antiquar William Hermann, der in der Nähe des Museums Hans Olavs Brieftasche fand, und von einer phantasiebegabten Kundin verführt in eine mystische Welt versinkt und Hanna, die Freundin der Mutter, die von Norwegen nach Amerika zog, die ihr die Augen öffnet, nachdem Rakel das Zerwürfnis mit ihrem Partner hautnah miterleben muss. In mehreren Schleifen nähert sich die Protagonistin diesen Personen, lernt zu sehen, wie verlassen Menschen in Beziehungen sein können und begreift, dass den Menschen etwas eigenständig Ungefälliges zugehört, das durch keine Nähe jemals aufgehoben wird. Ihr Leid sensibilisiert sie, zu erkennen, und darüber wird sie zu sich finden.
Denn es ist nicht nur der Verlust, der weh tut, es ist auch die Selbsttäuschung, aus der sie herausfinden muss. Immer wieder holt sie aus ihren Erinnerungen die Situationen hervor, in denen sie sich zu ihrem Ehemann besonders harmonisch fühlte. In den ausgelassenen Momenten, in denen beide die Menschen um sich beobachteten und ihnen aus überbordender Laune absonderliche Lebensläufe andichteten. Und sie wird bemerken, wie kreativ Hans Olav sich hervortat, als ob er in seinen Gedanken andere Lebensentwürfe durchspielte.
Es zerfallen die Selbstgewissheiten der vergangenen Jahre und irgendwann schafft es Rakel, die Kraft zu finden, sich vom alten Leben wegzubewegen und auf einen anderen Mann zuzugehen.
Und dann fällt der erlösende Satz: „Ich glaube nicht, dass ich wissen will, was passiert ist.“
Bevor wir ahnen, was passiert ist.
Die Autorin gibt einem viel Raum, die eigenen Erfahrungen und Assoziationen einzupassen. Eine schöne Geschichte, nicht niederdrückend, noch verstörend. Eine kleine melancholische Poesie. Wie ein bedeckter Novembernachmittag.

Henny Hidden

Montag, 4. Mai 2009

Interview mit Christine Lehmann: Über "Nachtkrater", Frauenkrimis und Regionalkrimis

Auf meiner Seite www.frauenkrimis.net habe ich ein Interview, das ich mit Christine Lehmann führte, eingestellt. Über "Nachtkrater", Frauenkrimis und Regionalkrimis

Sonntag, 26. April 2009

Rezension: Charles den Tex- „Die Zelle“

ISBN: 3894256591
Übersetzt von Stefanie Schäfer
Grafit Verlag
Februar 2009-446 Seiten

Seitdem ich John Katzenbachs „Patienten“ gelesen habe, ist mir deutlich geworden, dass man mit einem Krimi, dessen Thema um einen Identitätsverlust kreist, große Spannung erzeugen kann.
In der Tat können wir in Charles den Tex’ Krimi „Die Zelle“ eine ähnliche Vorgehensweise wie bei John Katzenbach beobachten. Verfolgen wir in der ersten Hälfte des Buches, wie das Opfer allem beraubt wird, was ihn einmal als unverwechselbares, identifizierbares Individuum auswies, erleben wir in der zweiten Hälfte, wie es mit der Wucht und Härte eines Outlawers zurückschlägt.
Und da sich jeder in unserer zivilisatorischen Gesellschaft vorzustellen vermag, was es bedeutet, seiner Identität verlustig zu gehen, ist die Einfühlung in den Protagonisten schon frühzeitig so stark fortgeschritten, dass der Vorschuss reicht, um für einen Bucherfolg alles Weitere aus dem professionellen Krimiärmel zu schütteln.
Aber Charles den Tex zieht einen größeren Rahmen. Bevor wir da landen, betrachten wir die Ausgangssituation.
Michael Bellicher, ein Amsterdamer Unternehmensberater, muss als Zeuge eines Autounfalls bei der polizeilichen Vernehmung feststellen, dass sich jemand seiner Identität bemächtigte, um damit kriminelle Taten zu verüben, die ihn an den Rand seiner Existenz bringen. Bis ihm das Ausmaß dieses Identitätsdiebstahls bewusst wird und er Gegenmaßnahmen ergreift, wird er noch tiefer in den Strudel gerissen. Es wird ihm klar, dass es im ersten Schritt der Gegenwehr nicht nur um das Aufdecken der für die kriminellen Aktionen verantwortlichen Namen geht, sondern um das Begreifen des dahinter stehenden Systems, um so die Schwachstellen zu finden, von denen er angreifen kann.
Und da Unternehmensberater zwar mit betrieblichen Zahlenkolonnen und werbewirksamen Imagebildchen vertraut sind, dem rauen Leben aber unvertraut, unbeholfen gegenüberstehen, werden Michael Bellicher einige Personen beiseite gestellt, die ihm bei dem aktionsreichen Kino, was über weite Strecken abläuft, unterstützen. Da lernen wir Richard, den Studenten, kennen, der nicht wie sonst üblich muskelbepackt den schlagkräftigen Part übernimmt, sondern in einer intelligenteren Variante besonders geistesgegenwärtig reagieren kann, und Klasman, den schneidigen Rechtsanwalt, dessen Verbindungen bis in die höchsten Kreise reichen, und der in misslichen Situationen unkompliziert helfen wird. Und da wir mit dem Autor die Erkenntnis teilen, dass man in einem harten Thriller auch etwas Weiches, Weibliches fürs Gemüt braucht, wird die zwielichtige, aber sehr attraktive Rechtsanwältin Gusje unseren Helden mit einigen Schäferstündchen aufzumuntern wissen.
Dass dann die ersten Spuren ins Prekariatsmilieu führen, enttäuscht nicht nur den Protagonisten, sondern auch den Leser, der durch medialen Konsum auf Verschwörungsszenarien programmiert ist. Doch dem Autor gelingt es geschickt, verschiedene Lebensräume miteinander zu verknüpfen, sodass der Leser keine Spannung verliert.
Inmitten der Verfolgungsjagden passiert dem Helden etwas, was seinen inneren Halt ins Wanken bringt. Nach einem Terroralarm wird Michel Bellicher bei einer routinemäßigen Überprüfung direkt in ein Militärgefängnis eingeliefert. Kurioserweise war er einmal als Unternehmensberater an der Ausarbeitung derartiger Einsatzrichtlinien beteiligt. Sich zur Elite zu zählen, aber es keinem beweisen zu können, fügt dem Ganzen schon eine tragikkomische Komponente zu.
Das Schlimmste, was einem auf dieser Seite des Erdenballs passieren kann, ist, als mutmaßliches Mitglied einer fundamentalistisch-islamischen Vereinigung verdächtigt zu werden. Die Untersuchungsmethoden, denen man sich bei den Militärs bedient, werden sehr eindrucksvoll geschildert, und diese Seiten gehören zu den stärksten Passagen des Buches. Sicher zieht man Parallelen und zusammen mit jenen dürftigen Angaben, die man über die abgeschotteten Militärgefängnisse dieser Welt medial aufbereitet erworben hat, steigert sich nicht nur das Ohnmachtsempfinden.
Nun, letztlich wird der Kampf um die Wiedergewinnung der Identität Bellichers intellektuell geführt und gewonnen. Wie mit virtuellen Angriffen der realiter Gegner aus der Defensive gelockt wird, wurde vom Autor sehr überzeugend dargestellt.
Dennoch, was wäre ein derartiger Thriller ohne eine Verschwörung?
Auch wenn man meinte, angesichts des Datenmissbrauchs in unserem vernetzten Leben würde das fiktive Spiel mit den geraubten Identitäten genug Brisanz beinhalten, um uns unsere Machtlosigkeit vorzuführen, mit der Einbettung des Intrigenspiels staatlicher Ordnungsmächte wird uns bewusst, wo die Grenzen unseres demokratischen Systems liegen.
Dass sich Allianzen schmieden, die als Staat im Staat sozusagen agieren und unter dem Deckmantel des wohlverstandenen Gemeinschaftsinteresses ihren eigenen Krieg führen, dass diese sich als Elite begreifend mit genügend krimineller Energie ausgestattet sind, um die Bürgerrechte einzelner mit Füßen zu treten, das wollen wir ins Reich der Phantasie verbannen und nur dorthin, oder glauben wir etwa, dass die gewählten Volksvertreter nicht willens oder nicht fähig sind, ihre Exekutive zu kontrollieren, denn wenn es vorstellbar wäre, dass sie diesem nicht nur national beschränkten Problem mit läppischen Untersuchungssausschüssen begegnen, müsste man es für skandalös halten.
Aus dem Buch könnte ein spannender Film werden. Ansonsten, ein grässliches Cover.
Diese Rezension wurde für den Kritikerstammtisch
auf dem Hinternet-Weblog „watching the detectives“ verfasst, an dem außerdem Thomas Elfers, Dr. Kirsten Reimers, Joachim Feldmann und dpr teilnahmen.

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Henny Hidden