ISBN: 3821872004
Übersetzt von Angelica Ammar
Eichborn Verlag Ag
März 2008-198 Seiten
Die Krimiperlen kommen aus Argentinien.
Konnte schon Claudia Piñeiro mit ihrem Krimi „Ganz die Deine“ das furiose Kabinettstückchen einer Abrechnung hinlegen, erleben wir in Guillermo Martinez Roman „Der langsame Tod der Luciana B.“ die männliche Variante eines Rachefeldzuges.
Ein Dreipersonenstück. Zwei Männer und eine Frau.
KLOSTER, EIN ANDERER SCHRIFTSTELLER und LUCIANA.
Der bekannte Krimischriftsteller Kloster engagiert die junge Studentin Luciana, um ihr täglich zu diktieren. Eine fruchtbare Zusammenarbeit entwickelt sich. Als Kloster für einige Zeit verreisen muss, überbrückt Luciana den Arbeitsausfall, indem sie für einen anderen Schriftsteller schreibt. Dieser eher unbedeutende Autor reicht jedoch an die schriftstellerische Qualität eines Kloster nicht heran.
Beide Männer erliegen den Reizen der schönen Frau. Besonders die beim Diktat ins Blickfeld geratene Halslinie weckt ihre erotischen Phantasien. Ihrem Zauber erlegen, missdeuten sie die Signale, die Luciana aussendet und reagieren mit Unverständnis auf ihre Abwehr. Besonders Kloster trifft es hart. Aus einem kreativen Höhenflug geboren, erwächst bei ihm der Wunsch, Luciana zu küssen, den sie empört zurückweist. Dessen nicht genug, löst ihr Verhalten eine Kettenreaktion aus, die für beide Seiten mit tragischen Folgen endet. In der ersten Konsequenz führt das für Kloster zu einer Anzeige wegen sexueller Belästigung. Daraufhin verliert er Frau und Tochter und fühlt sich seines Lebensmutes beraubt.
Zehn Jahre später sucht Luciana, inzwischen eine gebrochene Frau, den anderen Schriftsteller auf und bittet ihn um Hilfe. Sie vermutet hinter den rätselhaften Todesfällen ihrer Familie die Rache Klosters, der sie für den Tod seiner allesgeliebten Tochter verantwortlich macht. Sie fürchtet um ihr Leben und um das Leben ihrer Schwester Valentina. Aber so einfach, wie Luciana ihm glauben machen will, verhält sich die Geschichte nicht. Das muss der andere Schriftsteller erfahren, als er Kloster aufsucht und seine Version erfährt...
Der Leser wird hineingerissen in den Strudel wechselnder Behauptungen und findet sich wieder in einem Spiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit, Wahrheit und Lüge, Leben und Tod. Indes muss er entscheiden, inwieweit er sich in dieses Stück hineinziehen lassen will.
Denn eigentlich liegt alles klar auf der Hand, wenn wir die Geschichte mit ungetrübten Augen ansehen. Und erkennen plötzlich, wie der Autor seine Sympathien verteilte.
KLOSTER, der erfolgverwöhnte Schriftsteller, genießt seinen Status nicht nur in materieller Zurschaustellung, er katapultiert sich auch aus der Sphäre der Normalsterblichen in die Öffentlichkeit, um unantastbar zu werden. Ein Mann auf der sozialen Leiter ganz oben, der glaubt die Geschicke und die Wechselfälle seines Lebens gottähnlich lenken zu können.
Und er besitzt etwas, was den meisten Menschen nicht gegeben ist. Einen scharfen Intellekt gepaart mit hoher Erfindungsgabe, der ihm nicht nur seine Lebensgrundlage erwirtschaften lässt, sondern auch das Rüstzeug an die Hand gibt, den Widrigkeiten des Lebens wirksam zu begegnen. Und auch sonst ist Kloster dank sportlicher Stählung physisch gut beisammen. Ein im besten Sinne potenter Mann. Offenbart denn dieser Mann überhaupt keine Schwächen?
Oh ja, er liebt das weibliche Geschlecht, seine kleine Tochter und schöne junge Frauen. Wie Luciana eine ist. Leider kann er dieser unberechenbaren Frau mit den schärfsten Geschützen nicht beikommen, weil ihr scheinbar bei aller Selbstverliebtheit ihres Tuns jegliches Kalkül fehlt. Da wo auf beiden Seiten der Intellekt versagt, regieren nur noch unbeherrschbare Gefühle. Und sie werden zum Ausgangspunkt für ein gefährliches Untergangsszenario.
Nicht nur der unbestimmte Verdacht Klosters im erotischen Spiel ein Zweiter zu sein, auch die Zurückweisung Lucianas lässt ihn taumeln und in der nachfolgenden Ehrverletzung mischt sich sein kreativer Geist mit gekränktem Stolz, ein Gemisch, das sich eruptiv entlädt, als er ohnmächtig ansehen muss, wie sein bürgerliches Leben aus allen Fugen gerät. Daraus wird ein Rachegedanke geboren, der immer mehr zur Obsession wird.
Der so Leidgeprüfte beansprucht für sich das Recht einer größeren Bestrafung, weil er sich als Angegriffener auf einer höheren Stufe wähnt, weil ihm das Prinzip Auge um Auge nur mehr eine gleichmacherische Einschränkung der Vergeltung ist und weil er erst in einer siebenfältigen Form, die ihm als die Perfektion eines Zyklus gilt, eine vollständige Bestrafung akzeptiert. Ebenso wenig wie ihm ein Gleichgestelltsein nicht ausreicht, soll die Delinquentin mit einer stetigen Erinnerung an ihr Vergehen leben.
Ist die Form der Strafe einmal definiert, erfolgt die inhaltliche Ausfüllung.
Gedacht von ihm als eine Kette von Unglücksfällen, die mit der Auslöschung der Familie Lucianas und ihrer selbst enden soll. Wer würde einem Geistesmenschen die Couragiertheit zutrauen, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen?
Und dann beobachten wir fasziniert, wie ein Genie sich perfekt inszenieren kann. Der Schriftsteller als genialer Verbrecher.
Respekt, wie Kloster Fiktionales und Reales gegeneinander aufwiegt und verbindet, um seine Unschuld darzustellen. Wie für das Reale wissenschaftliche Erklärungsmuster bemüht werden, um der zufälligen Kette von Unglücksfällen ein den Zufällen immanentes Gesetz der Serie überzuhelfen. Und wie er mit einer göttlichen Lenkung das Überborden seiner Phantasien erklärt, die die mörderische Kraft in ihm erzeugen, die Fiktion lebendig werden zu lassen und die so übermächtig werden, dass in einer Umkehrung das Wirkliche die Fiktion bestimmen wird. Aber keine Größenphantasien eines Genies kommen an gegen den Punkt der Wahrheit, die die Frage nach der Synchronisation der Todesfälle mit dem Fortschreiten des Romans aufwirft und damit den Krimischriftsteller entlarvt.
Wunderbar. Der Leser schickt dem Autor einen dankbaren Gruß für die Gestaltung dieser Figur.
LUCIANAS Schicksal dagegen nahm der Autor schon mit dem Titel des Buches vorweg.
Warum muss sie sterben? Weil sie nicht wusste, was sie tat!
Frauen besitzen von Natur aus eine einzige Macht, die sie über alles erheben kann. Dann, wenn sie in ihrem Wesen noch zart und rein sind, in mädchenhafter Schönheit, voller Unschuld und sie doch schon mit einer Koketterie aufwarten, die auf ihre weitere Bestimmung hinwirkt.
Diese Macht nicht angewandt zu haben, ist Lucianas Untergang.
Dabei hätte sie bestimmt nicht ganz erfolglos versuchen können, Klosters Frau auszustechen, die psychisch ein Wrack und ohne Anziehungskraft mit Kloster nur noch in einer Scheinehe lebte. Das Herz der Tochter hatte sie ohnehin schon gewonnen.
Und so muss Dummheit bestraft werden, wenn man unfähig ist, die Gelegenheit nicht beim Schopfe zu packen.
Was hat Luciana bewogen, Kloster abzuweisen, der ihr so eindeutig Avancen machte? War es verletzter Stolz, von ihm nicht mehr als anbetungswürdige Unschuld betrachtet zu werden, war es die religiöse Erziehung oder war es gar die Ähnlichkeit zur Vaterfigur? Liebe etwa? Nein, es ist Klosters Alter, das Martinez mehrmals ins Spiel bringt. Wo auf der Welt, fragt man sich, wird eine Frau einen Mann, angesichts seiner so überzeugenden Vorzüge, wegen eines zweiundzwanzigjährigen Altersunterschiedes verschmähen?
Luciana hält stattdessen an ihrem Freund, dem Rettungsschwimmer fest.
Eine Närrin, die den Untergang verdient.
Und wie ungeschickt sich Mutter und Tochter in der gerichtlichen Auseinandersetzung verhalten, indem sie den Mann reizen, der sie vernichten kann. Statt sich mit einer großen Kraftanstrengung aufzubäumen und eine Wendung herbeizuführen, versinkt Luciana immer mehr in Wahnvorstellungen. Schreibt Kloster einen demütigen Brief als Eingeständnis ihrer Schuld, die nie eine war. Die Waffen einer Frau sehen anders aus.
Da muss es wie eine Verhöhnung klingen, als Kloster auch noch suggerieren will, dass sie hinter den Unglücksfällen stehe, um sich in Selbstgeißelung die neurotischen Schuldgefühle zu nehmen.
Wunderbar. Gezielt die schwächsten Punkte der Selbstbehauptung einer verachtungswerten Figur zu treffen. Mit dem Tod als logische Konsequenz.
Vordem wird die Figur mit den Auftritten DES ANDEREN SCHRIFTSTELLERS, eines Möchtegernautors, einer weiteren Zerstörung unterworfen. Warum hängt der Autor Luciana an diese Person? Dessen Aufgabe es nicht nur ist, die ganze Geschichte in der Schwebe zu halten, indem er alles schluckt, was man ihm auftischt, sondern der mithilft, die Gewichtung langsam in eine bestimmte Richtung zu verschieben. Ein schwacher Nichtneinsagenkönner, von seinen Gefühlen beherrscht. Nein, nicht von Mitleidsgefühlen für Luciana, die ohnehin ihren körperlichen Reiz verloren hat. Es sind Gefühle der Bewunderung für den Großen, dem er nie das Wasser reichen konnte und dem er mit boshaften Kritiken beizukommen versuchte. Um seinem Neid besser beizukommen. Er wird der Faszination erliegen, weil der Andere das intellektuelle Spiel so virtuos beherrscht, dass er mit der Wahrheit lügen kann. Und sie wird bei ihm einen Schwindel erzeugen, bei dem alles Selbstvertrauen schwindet.
Wunderbar. Die Verhöhnung des Kritikers!
Nein, diese Figuren haben die Maxime dieser Welt nicht erkannt und dafür müssen sie den Preis bezahlen. Da gönnen wir am Ende dem großen Kloster die kleine Lolitaschwester Lucianas, die die Spielregeln längst begriffen hat und für die ein neues Buch geschrieben werden muss.
Fazit: Das Buch versteht sich wie eine kleine Hommage des Autors an sich selbst. An den Mann, an den Wissenschaftler, an den Künstler.
meint Henny Hidden
Samstag, 28. Juni 2008
Rezension: Guillermo Martinez- "Der langsame Tod der Luciana B."
Gepostet von
Henny Hidden
unter
20:07
Labels: Rezensionen (Argentinien)
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