"Eine böse Tat, aber noch kein böser Mensch."
      Dr. Michael Stone
      Professor der Psychiatrie, Columbia Universität


      "In jedem von uns steckt ein Teufel."
      Philip G. Zimbardo
      emer. Professor der Psychologie, Stanford Universität


Sonntag, 4. Mai 2008

Rezension: Susanne Mischke - “Der Tote vom Maschsee“

ISBN: 3492051464
Piper Verlag GmbH
Februar 2008 - 297 Seiten

Wie spannend muss ein Krimi geschrieben sein?
Mehrmals im Jahr wird diese Fragestellung von Krimilesern wie Krimikritikern hochgespült, um sich dann mit Verve an ihr abzuarbeiten.
Wieder mal ein Anlass, um selbst darüber nachzudenken. Nichts bietet sich besser an als Susanne Mischkes Roman „Der Tote vom Maschsee“.
Um mich nicht lange an Begrifflichkeiten festzuhalten, bestimme ich drei Wesenselemente, die man annähernd wie folgt bezeichnen kann:
Vordergründiges Spannungselement, Spannungsbogen, Nachhaltigkeitsfaktor.Ein vordergründiges Spannungselement wird in einem Krimi zu unterschiedlichen Zeitpunkten eingesetzt, um den Handlungsverlauf effektvoll zu steigern. Wirkungsvoll, wenn wir zu Beginn einer Handlung von einem vordergründigen Spannungselement überrascht werden. Ähnlich wie bei einer Novelle würde ich dieses Element als eine unerhörte Begebenheit oder als ein außergewöhnliches Ereignis bezeichnen wollen.
Beispielhaft folgender Einstieg. Ein junger Mann feiert seinen Junggesellenabschied. Oft wird dieser Abschied von den Freunden benutzt, um dem Heiratswilligen seine abtrünnige Entscheidung mit einem ungewöhnlichen Streich büßen zu lassen. Und so planen diese, ihn für einige Zeit in einen Sarg zu verfrachten. Der Sarg, ein Billigimport aus Fernost, löst sich aus den Fugen und langsam dringt das Grundwasser ein. Bevor die Freunde ihn befreien können, verunglücken sie auf der Fahrt zum Versteck tödlich. Ein ungeheuerlicher Auftakt, wie ich finde, der immer wieder mit neuen und originellen Spannungselementen gesteigert wird. Krimiliebhaber werden wissen, dass ich von Peter James Buch „Stirb ewig“ spreche.
Manche Krimiautoren glauben, zu einer unerhörten Begebenheit gehört allein schon das Auffinden einer Leiche.
Gut, wir müssen es nun mal so annehmen, die Autoren sind die Kreativen, alle anderen sind nachgeordnet.
In Susannes Mischkes Roman wird die Leiche des Psychiaters Offermann gefunden. Seine abgeschnittene Zunge befindet sich auf einem Denkmal in der Stadt.
Wie viele Zungen schon durch diverse Kriminalromane gesegelt sind, möchte man sich gar nicht vorstellen. Letztes Jahr ist mir eine in Hanne Holt’s Roman „Was niemals geschah“ auf einem Schreibtisch begegnet. Dort symbolträchtig, Du sollst nicht falsch Zeugnis reden.
So prononciert ein Detail in einem Krimi einzusetzen, heißt, es wird ihm eine Bedeutung zukommen. Nach zweihundert Seiten des Romans werden wir uns erinnern. Bis dahin setzen nach einem Mord wie in fast jedem Krimi erstmal die Ermittlungen ein. Wir kennen es zu genüge. Polizist geht zu Zeuge A und befragt ihn, zweiter Polizist geht zu Zeuge B und befragt ihn, das kann man so lange treiben, bis sich die Ermittlungen auf eine Figur verdichten.
Wie spannend muss ein Krimi geschrieben sein?
Neben den kleinen Spannungselementen braucht ein Krimi den Spannungsbogen, Suspense genannt, der die ganze Handlung über bis zur Auflösung anhalten muss.
Natürlich fragt sich nicht nur der Autor beim Schreiben, wie bei derart langweiligen Ermittlungen der Spannungsbogen gehalten werden kann? Wenn nichts zusammenpasst, gar nicht!
Da muss dann schon einiges mehr passieren. Wer das nicht leisten will, versucht den Leser abzulenken. Und wir ahnen auch wohin. Auf das persönliche Umfeld der Ermittler. Wer meint, mit einem Kommissar als Schafzüchter kann er die Figur aufwerten, der irrt.
Genauso wenig sollte das persönliche Umfeld eines Ermittlers wie irgendein Zierrat prunken, sondern muss in einem Verhältnis zur Handlung stehen. Der Charakter des Ermittlers sowie seine Lebensumstände müssen als Elemente die Handlung mittreiben. Wie kann ich das erreichen? Ich könnte das Umfeld als Kontrapunkt einsetzen und somit die Figur brechen, andererseits kann ich auch mit der Einbeziehung des Umfeldes ihre Wesenszüge verstärken. Der Leser wird es danken. In Susanne Mischkes Krimi sehe ich nur in der Figur der neuen Kollegin eine kleine Verstärkung, bei allen anderen Figuren nicht.
Der Roman hat zweihundertsechsundneunzig Seiten. Ungefähr einhundertsechsundneunzig Seiten wird ermittelt, bis sich eine Täterfigur verdichtet. Bis dahin haben wir einen Spannungsbogen, der flach ist wie eine Flunder.
Jeder Krimileser, der mehr als ein Buch gelesen hat, wird ahnen, dass es sich bei dem ersten Verdächtigen nie um den Täter handeln wird. Und so finden wir die Hauptverdächtige wenige Seiten später auch als Leiche wieder. Mit abgeschnittener Zunge. Clever erkennt die junge Polizistin den gemeinsamen Punkt zwischen beiden Opfern.
Sie haben zuviel geredet.
Hätte sich die Ermittlergruppe eine Stunde zusammengesetzt und sich assoziativ treiben lassen, wäre sie zum gleichen Ergebnis gekommen. Bedurfte es wirklich dieses bedeutungsvollen Details? Die Zunge wird als viel zu „schweres“ Merkmal zum billigen Effekt.
In den weiteren Handlungsverlauf rückt jetzt eine Figur, die die Verdächtige, die durch ihren Tod ja ausgeschieden ist, ersetzen soll. Leider ist diese Frau viel zu exponiert an des Opfers Seite gewesen, als dass jemand an ihre Schuld glauben könnte.
Danach existieren noch fünf, mit einem großen Unbekannten, sechs Verdächtige. Allesamt Figuren, die man nicht im Gedächtnis speichert, weil sie farbloser nicht sein können.
Die Autorin bereitet die Entdeckung des Täters vor, indem sie in einer Rückblende die Motivkette einer möglichen Tat mit der Handlung verschränkt. Das finde ich akzeptabel und bringt endlich Farbe in das blasse Geschehen.
Nur ist inzwischen etwas eingetreten, welches man als den Tod jedes Krimis ansehen kann. Es ist mir egal geworden, wer der Täter ist. Nein, ich habe ihn nicht erraten, warum auch? Und es hat mich auch nicht überrascht.
Dann das große Finale, der Showdown. Wieder ein billiger Effekt, weil er entbehrlich ist. Unnötig, weil der Täterfigur nicht angemessen. Und ich frage mich, ob es die Anbiederung an den Leser ist, dass alles so lehrbuchartig abgearbeitet wird und warum Autoren, die schon einige Bücher veröffentlicht haben, den Mut zu unkonventionellen Formen nicht finden?
So uninspiriert von einem Krimi war ich lange nicht.
Wie spannend muss ein Krimi geschrieben sein?
Kriminalliteratur sollte nachhaltig wirken. Diese Spannung zeigt sich in einem Schwingen mit dem Autor. Es stellt sich ein, wenn wir erleben, dass der Autor ganz ähnlich denkt wie wir. Eine unausgesprochene geistige Verbundenheit, die wir mitnehmen können.
Und auch das Gegensätzliche zieht uns an. Wenn uns der Autor seine ganz eigene, von uns nie für möglich gehaltene Sicht nahe gebracht hat. Wenn wir fasziniert sind von seinem kreativen Spiel und wir dankbar werden, weil er unser Denken einzigartig anregte und unsere Sinne affizierte.
Zu guter Letzt, die Spannung, die sich aus dem Vergleich mit der Wirklichkeit ergibt, aus der gelungenen Verdichtung, mit der der Autor uns die Augen öffnet und den Atem nimmt. Es ist der kleine Stein Erkenntnisgewinn, den wir in unser Lebensmuster einpassen und für den wir in der wirklichen Welt meilenweit hätten laufen müssen.
Dieses Schwingen mit dem Autor möchte ich nach jedem Buch spüren. Das muss Literatur leisten und Kriminalliteratur zähle ich ganz besonders dazu.
Und es gibt sie auch, die negative Spannung.
Wir rätseln, was uns der Autor mit dem Buch sagen wollte. Das heißt nicht, dass wir in fünf Sätzen ausdrücken können, was der Autor uns mitteilen wollte. Wir wollen ES bloß nicht glauben. Plötzlich wird der Grat ganz schmal, auf dem wir stehen.
Dann kippen wir ab. Für immer.

(In eigener Sache:
Ich habe gezögert, diese Rezension ins Netz zu stellen. Mittlerweile bin ich an einem Punkt angelangt, an dem ich darüber nachdenke, eine Pause einzulegen. Nessa Altura plant, ein Interview mit mir zu führen. Zu gegebener Zeit werde ich Euch informieren und einen Link zu ihr setzen.
Ansonsten, wenn es ein mörderischer Sommer wird, passt es dann vielleicht schon wieder.)

Es grüßt Euch

Henny

7 Kommentare:

krimi.krimi hat gesagt…

Liebe Henny,

ich habe diese Renzension mit großem Interesse gelesen, weil mir noch nie jemand so gut erklären konnte, warum ich mich gelangweilt habe. Dabei habe ich das Buch durchaus mit großem Interesse gelesen: Einerseits ganz gezielt, weil ich mich ja mit Psychiatern und Psychiaterinnen in Krimis beschäftige und andererseits, weil ich mich auf das Buch gefreut habe. Ich habe nämlich "wer nicht hören will, muss fühlen" von Frau Mischke verschlungen, es war voller Esprit und Kraft. Wo ist das nur alles hin? Ich finde das Buch überkonstruiert, so, als hätte sie gerade "wie schreibe ich einen Bestseller in 100 Tagen" gelesen, und wolle das Gelernte nun Punkt für Punkt umsetzen. Es wird viel "Botschaft" übermittelt, wir sollen alle möglichen Dinge lernen und das wird ziemlich langatmig. Dazu hege ich noch den Verdacht, dass bestimmte Dinge nur hineingeschrieben wurden, dass es als "Hannover-Krimi" durchgeht und auch das nervt. Man könnte auch die Schauplätze und ein paar Details verändern und das Ganze an den Chiemsee verpflanzen, ich habe nichts gefunden, das die Geschichte zwangsläufig nur in Hannover ermöglicht, und gerade das macht für mich einen Stadt-, Land- oder Regiokrimi aus. Wenn es aber kein Stadt-, Land- oder Regiokrimi ist, reichen mir die lokalen Details, die für die Geschichte wichtig sind, was drüber hinaus geht, wirkt wie Fremdenverkehrswerbung. Wirklich schade, ich hoffe, Frau Mischke fängt sich wieder und wird so gut wie sie einmal war.

Ich habe mich jedenfalls in Deiner Rezension sehr wiedergefunden und fände es schade, wenn Du das Blog nicht weiterführst.

Liebe Grüße
von Margit

dpr hat gesagt…

Nein, nein, du wirst schon weitermachen, liebe Henny. Und zu zögern brauchst du schon mal gar nicht. Apropos Spannung und Spannungsblogen: Lies Laura Lippman, "Das dritte Mädchen", wie da "das unerhörte Ereignis" (Mädchen erschießt ihre Freundin auf der Schultoilette)entschleunigt wird. Das ist Spannung ganz anderer Art und wieder einmal große Klasse von La Lippman. Leider kein Psychiaterkrimi, Frau Krimi.

bye
dpr

dolcevita hat gesagt…

Wasn los, Henny, ist dir der Krimi auf den Magen geschlagen?
Es wäre wirklich sehr, sehr schade, wenn du keine Rezensionen mehr schreiben würdest, aber eine Pause hast du dir sicherlich nach so konsequenter "Arbeit" verdient.
Bis bald, liebe Grüße!

Henny Hidden hat gesagt…

Hallo Margit,

ich habe das Gefühl, dass Du als Psychologin siehst, wo die Probleme liegen. Danke für Deine Unterstützung. Ich war bei Frau Mischke gut eingestimmt. Ich habe vor Jahren den Roman "Die Eisheilige" gelesen und war ganz angetan. Ich finde, dass Frau Mischke sehr sympathisch rüberkommt, meiner Ansicht nach führt sie den besten Blog der weiblichen Autoren...
Regionalkrimis stören mich überhaupt nicht, wenn die Geschichte stimmt. Irgendwo müssen sie ja spielen, ob dort oder dort ist mir egal. Das überlese ich. Das ist nur für die Leute wichtig, die dort wohnen.
Grüße von Henny

Hallo dpr,

danke für den Tipp. Ich werde Frau Lippman bestimmt lesen, aber in diesem Monat nicht. Ansonsten kann ich mich ganz gut bei "Dir" unterhalten.
Grüße von Henny

Hallo dolcevita,

ja, meine Liebe, vielleicht wäre zur Abwechslung mal wieder ein Stück Weltliteratur angebracht.
"Die Blumen des Bösen" steht bei mir ganz hinten im Regal, das könnte ich jetzt ganz gut vertragen.

Henny

krimi.krimi hat gesagt…

Hallo Henny,

Menschen mit Psy-Berufen können deshalb aber nicht besser Bücher besprechen, das ist nicht Inhalt der Ausbildung. Ich gebe meine ganz private Privatmeinung wider und die ist überhaupt nicht ausbildungsfundiert. Ein bisschen anders ist es bei meinem "Psychiatriekrimiprojekt", da tun wir teilweise so, als wären die Krimifiguren lebende Menschen und versuchen sie mit psychologischen Mitteln zu beschreiben. Das betrifft dann aber nur die Figuren und noch nicht das Buch als Ganzes. Natürlich freut es mich, wenn meine Kritikpunkte nachvollziehbar sind, aber dass ich kraft meines "Psy"-Status die Probleme eines Buches sehe, ist mehr schmeichelhaft als zutreffend.

Liebe Grüße
von Margit

Henny Hidden hat gesagt…

Ja, ja, so sind sie, die Psychologen...

Guten Morgen Margit, einen schönen Tag wünscht Dir

Henny.

dolcevita hat gesagt…

Du arme Muse, was ist dir geschehn?
Im hohlen Blick les' ich die nächtgen Qualen,
Und muss den Wahnsinn und den Schreck, den fahlen
Im stummen, angstgequälten Antlitz sehn.

Gossen sie Lieb' und Furcht aus ihren Schalen,
Die grünen Zwerge und die rosigen Feen?
Hat dich der Alb gepackt mit eisigem Wehn
Und dich erstickt in wilden Zauber quälen?

Ich wollt', dein Atem wäre stets voll Kraft,
Dass er nur starker Dinge Abbild schafft!
Des Blutes Rauschen rhythmischer Gesang,

Wie er in jenen alten Zeiten klang,
Als Phöbus und der grosse Pan regierten,
Des Liedes Vater und der Gott der Hirten.

Um Gottes Willen, Henny, lass die Blumen des Bösen hinten im Regal :-)
Liebe Grüße