ISBN: 3821807571
Eichborn Verlag
Juli 2007 - - 283 Seiten
Bilder wie Gemälde. Sanfte, ruhige Landschaften. In ihnen Menschen wie Tupfer. Wenn sie agieren, dann zaudern sie, kriechen oder schleppen sich. Nur unmerklich verschieben sich die Akzente. Nein, doch keine Gemälde.
Es ist wie in alten Filmen. Lange Einstellungen. Manchmal wie in Zeitlupe. Filmriss, wenn die Bilder sich in gleicher Weise neu abspulen.
Trügerische Ruhe in heißen Sommertagen. Ein Mädchen verschwindet. Genau an der Stelle, an der es vor dreiunddreißig Jahren schon einmal geschah.
Alles beginnt erneut. Die Befragung der Eltern. Ein neuer Kommissar, der alte pensionierte Kommissar steht ihm bei den Ermittlungen zur Seite. Beide ratlos, wie die zwei Fälle wohl zusammenhängen. Die Eltern beider Mädchen bestürzt.
Und doch ein Grad der Verstörung nicht nur für die Angehörigen und die behördlichen Vertreter. Der erste Mord hatte einen Mittäter, wenn auch nur als Zuschauer. Dieser Mann, inzwischen erfolgreicher Immobilienmakler, Familienvater und liebender Ehegatte. Seine Verunsicherung steht mehr oder weniger im Mittelpunkt des Buches.
Die Spannung des Buches wird getragen von der Erzählweise des Autors. Jan Costin Wagner kann es. Kann eine traurige Stimmung erzeugen, die Verzweifelung greifbar machen, eine Melancholie über die Situation legen, alles mit wenigen Strichen gezeichnet. Die Schwermut, die über allem liegt, kontrastiert von der Sorglosigkeit, die den Kinderfiguren anhaftet. Und weil es in diesem Buch um die Beschädigung von Kindern geht, ist der Leser auch bei diesen kleinen Detailschilderungen auf der Hut und hält den Atem an.
Die Auflösung der Fälle nicht wirklich eine Überraschung.
Aber in einer Zeit des schnelllebigen Konsums, die auf immer stärkere Thrillerelemente baut, ist der Gesamteindruck des Buches - einfach schön.
Verbeugung vor dem selbstbewussten Autor, der sich in keine Schublade fügen will.
meint eure Henny Hidden
Nachtrag:
Ich habe gerade die Rezension von Ludgar Menke gelesen, der in seinem Krimiblog die „blutleeren Charaktere“ und die „zu Papier erstarrten Psychogramme“ kritisiert. Dem kann ich nicht folgen. Ich fand die Figuren sogar mit den wenigen Beschreibungen gut gezeichnet. Viel Raum für Phantasie. Wahrscheinlich weil es mein erstes Buch ist, das ich von Jan Costin Wagner gelesen habe, bin ich so gefangen genommen.
Seit Andrea Maria Schenkels Buch „Tannöd“ ist zu beobachten, dass die Qualität eines Krimis an seiner poetischen Umsetzung gemessen wird. Trotzdem gelten für einen Kriminalroman eigene Gesetze.
Für mich gibt es zwei unzweifelhafte Aspekte, die einen Krimi lesenswert machen. Erstens sollte der Plot stimmig und raffiniert konstruiert sein und zweitens sollte das Buch Spannung besitzen.
Wie gesagt, spannend war es für mich in einer anderen als der üblichen Art und Weise. Was mich enttäuschte, war die einfache Story, bei der man nicht viel Kombinationsgabe brauchte, um die Lösung bald zu erahnen. So unterfordert zu werden ist nicht mal einen Aha-Effekt wert.
Als Fazit, ein Buch zum „Durchatmen“ auf dem Wege zu den nächsten versoffenesten Ermittlern, sadistischsten Psychopaten und krudesten Thrillern.
Andere Rezensionen:
Angst war gestern
http://www.sandammeer.at/rezensionen/wagner-schweigen.htm
http://www.literaturnetz.com/content/view/8025/44/
Suche nach dem Mörder wird zur Obsession
Dienstag, 11. September 2007
Rezension: Jan Costin Wagner – „Das Schweigen“
Gepostet von
Henny Hidden
unter
19:13
Labels: Rezensionen (Deutschland)
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